Mit eigenen Zähnen gesund alt zu werden – das ist kein Wunschtraum. Die Gleichung „alt = zahnlos“ stimmt nicht mehr. Voraussetzung für den festen Biss ist allerdings ein regelmäßiger Besuch beim Zahnarzt, doch jenseits der 50 mutieren viele Best Ager zu wahren Zahnarztmuffeln. Über Herausforderungen und Chancen bei der zahnmedizinischen Behandlung älterer Patienten sprach ID55 mit den Zahnärzten Dr. Peter Gehlhar (59), Master of Science Implantologie, und Dr. Ingo Brockmann (44), Master of Science Parodontologie. Sie praktizieren seit 2003 in der Zahnklinik im Rü-Karree, einem Zentrum für ganzheitliche Zahnmedizin in Essen-Rüttenscheid.
Dr. Gehlhar, Dr. Brockmann, zwischen Ihnen liegt ein Altersunterschied von 15 Jahren. Ist diese Konstellation in Ihrer Praxis auch ein Grund für Ihr Interesse an der Patientengruppe 50plus?
Dr. Peter Gehlhar: In unserem Praxiskonzept lässt sich Alt und Jung gut verbinden. Trotzdem kann der Altersunterschied in einigen Fällen durchaus hilfreich sein. Mit meinen 59 Jahren befinde ich mich ja auf Augenhöhe mit älteren Patienten. Manches kann ich daher besser verstehen und offener ansprechen als mein jüngerer Kollege. Er wiederum bringt als Spezialist für Parodontal-Behandlungen aktuelles Wissen über neue Präventionskonzepte für Best Ager ein, zum Beispiel für Patientinnen in den Wechseljahren oder Männer jenseits der 50.
Wie gesund ist der Mund 50plus?
Dr. Ingo Brockmann: Mehr als 30 Millionen Deutsche sind bereits älter als 49 Jahre – rund 40 Prozent der Bevölkerung. Wenn man heute 50 ist, hat man noch mindestens 20 gute Jahre vor sich – am besten mit eigenen Zähnen. Keine andere Altersgruppe legt so viel Wert auf den Erhalt der eigenen Zähne wie Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Tatsache ist: Die Zahngesundheit im Alter und die Überlebenswahrscheinlichkeit des einzelnen Zahnes haben sich enorm verbessert. Tatsache ist aber auch, dass mit steigendem Lebensalter die Bereitschaft zum Zahnarztbesuch nachlässt. Karies oder Zahnfleischerkrankungen bleiben unbehandelt, gesunde Zähne gehen verloren. Das muss nicht sein.
Woran liegt das?
Brockmann: Noch immer wird Jugend mit Aufbau und Alter mit Abbau assoziiert. Dieses Denken hindert den Menschen daran, den Sinn vorbeugender Konzepte für das Alter zu akzeptieren. Prophylaxe trägt in der Werbung meistens junge Gesichter. Cremes und Reiniger haben Frischesiegel, die ältere Hände nicht mehr so einfach öffnen, und Aufdrucke, die ältere Augen nicht mehr problemlos lesen können. Die Zahnmedizin und die Industrie müssen der Generation 50plus viel deutlicher sagen, dass Prävention, die die Struktur erhält, weder jung noch alt ist, sondern in jedem Alter sinnvoll und wirksam.
Was erwartet ältere Patienten in Ihrer Praxis?
Gehlhar: Sprechstunde kommt bei uns von Sprechen. Wir nehmen uns sehr viel Zeit, unseren Patienten – ich nenne sie gern „die fitten Alten“ – in unserem modernen Prophylaxe-Zentrum die Bedeutung systematischer Zahnpflege und Mundhygiene klar zu machen. Das wichtigste Ziel dabei ist es, die Eigenverantwortlichkeit des einzelnen für seine Mundgesundheit zu wecken und zu stärken. Zahnerhalt ist Lebensqualität.
Mit welchen Bedürfnissen kommen ältere Patienten zu Ihnen?
Gehlhar: Unsere Patienten 50plus sind Menschen, die mitten im Leben stehen. Sie sind lebenserfahren, kritisch und sehr gut informiert. Sie genießen es, aktiv zu sein, trainieren im Fitnessstudio und fahren viel in den Urlaub. Wer so mittendrin ist und Lust auf Leben hat, will keine Probleme mit den Zähnen, denkt aber intensiv über die Gesunderhaltung des eigenen Körpers nach. Gerade bei den Zähnen lässt sich mit relativ wenig Aufwand ein gutes Ergebnis, ja sogar eine Verjüngung erreichen. In unserer Praxis verbinden wir zertifizierte Qualitätszahnmedizin und Ästhetik mit Wellness, naturheilkundlichen Verfahren und liebevollem Patientenservice. Diese besondere Mischung – so sagen uns die Patienten – macht den regelmäßigen Besuch beim Zahnarzt viel leichter und angenehmer.
Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit als 50plus-Zahnärzte?
Gehlhar: Ein wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit liegt nach wie vor in der Wiederherstellung der Kaufunktion bei fehlenden Zähnen durch Prothetik und ganzheitliche Implantologie. Für unsere Risikopatienten, zum Beispiel Raucher oder Diabetiker, haben wir speziell einen Immunsystem- und Verträglichkeits-Check entwickelt, der vor der Implantatversorgung erfolgt und zusätzliche Sicherheit gibt. Für den Patienten hat die ganzheitliche Methode deutliche Vorteile: Die Implantate heilen schneller ein. Nebenwirkungen wie Schwellungen und Schmerzen treten seltener auf. Der Langzeiterhalt wird verbessert.
Brockmann: Die enorme Verbesserung der Zahngesundheit bei Best Agern wird langfristig zu einem Paradigmenwechsel in der Therapie der Patienten 50plus führen. Wir rechnen damit, dass restaurative und prothetische Versorgungen in der Zukunft zurückgedrängt werden. Vorbeugende Tätigkeiten werden an Stellenwert gewinnen. Dies gilt vor allem für die Vermeidung von Parodontitis, einer gefährlichen Entzündung des Zahnfleisches, die durch Bakterien hervorgerufen wird.
Welches ist das größte Risiko für diese Patientengruppe?
Brockmann: Ganz klar Parodontitis. Diese Krankheit ist bei der Generation 50plus zu einer Volkskrankheit geworden. Jeder Zweite ist davon betroffen, die einen stärker, die anderen weniger. Die Hauptursache ist – wie bei jüngeren Patienten auch – die unzureichende Information über richtige Mundhygiene. Parodontitis entwickelt sich, ohne weh zu tun. Allerdings gibt es unmissverständliche Warnzeichen: Das Zahnfleisch blutet, nur nicht bei Rauchern. Die Zahnhälse liegen frei, die Zähne beginnen zu wackeln. Eine nicht behandelte Parodontitis hat schlimme Folgen. Die Bakterien, die diese Krankheit auslösen, begünstigen Herzinfarkt, Schlaganfall und viele andere Krankheiten. Dagegen können wir heute so viel tun. Vorsorge lohnt sich deshalb immer – egal in welchem Alter.